Tod, Tod und Überleben

Tod, Tod und Überleben

Teil 1 – Tod (Das Kommando)
Die Tür schlug ins Schloss, und er wusste, dass sie dies gerade zum letzten Mal getan hatte.
Aus allen Ecken stürzten sie sich auf ihn, doch es war nur in seinem Kopf. Er hatte sich ihnen nicht früh genug gestellt; sie waren die anderen und sie waren er selbst.

Wenn Knüppel von außen auf dich einprügeln, ist es nichts. Niemals kommen sie an dich ran, so stark die Schmerzen auch sein mögen. Und wenn du draufgehst, so hast du doch überlebt. Doch wenn sie in deinem Kopf sind, du hast es selbst so weit kommen lassen (!), ist es dein Ich, dein Selbst, das angegriffen wird.
Es kommt dir alles so mächtig vor und so unbeeinflussbar. Doch nicht nur war es deine Entscheidung, dass es so weit kam, es ist auch deine, dass es aufhört, jederzeit. Halt mich für… verrückt.

Er hatte in eine dunkle Ecke fliehen können und verharrte dort. Viel Raum war nicht mehr, sie schienen überall zu sein. Er wollte nichts mehr fühlen, er wollte… nichts mehr fühlen.
Er fühlte ihre Nähe. Er hatte immer gewusst, dass sie da waren, eigentlich kannte er sie besser als sich selbst. Auch hatte er gewusst, dass der Tag kommen würde. Es war nur eine Bestätigung. Er hatte es immer gewusst.

All jene Mächte, die so unkontrollierbar scheinen, die uns an der Erreichung unserer Ziele, an der Erfüllung unserer Träume (du hast doch welche?) hindern, wo kommen sie her? Gibt es überhaupt etwas außerhalb deines Verstandes? Vielleicht, aber das ist zunächst unwichtig. Natürlich kommt alles nur aus dir. Du bist alles und ohne dich ist nichts… für dich. Also kannst du auch alles kontrollieren. Selbst bewusst sein – selbst sein, bewusst sein.

Sie hatten ihn entdeckt. Er hörte, er sah, er roch sie nahen. Alles war noch erträglich, aber der Geruch machte ihn wahnsinnig, er war so verdammt vertraut. Es roch wie die ganze Welt. Und es war nur in seinem Kopf. Einer trat hervor. Jener war größer als die anderen. Er konnte fast sein Gesicht sehen. Er hätte es sehen können, aber jener hatte keins.

Ist der Geruchssinn nicht der realste? Sehen, Hören, selbst Fühlen ist flüchtig. Doch Gerüche, Gerüche sind präsent, sind real, sind sinnlich, sind unausweichlich, sind nicht flüchtig, weil sie flüchtig sind. Manche von uns können fliehen. Sie verrotten schmerzlos. Andere müssen sich stellen. Mancher muss dem gesichtslosen Menschen ins Gesicht sehen. Dies ist der Ursprung des Wahnsinns.

Er wusste, dass sein Ende gekommen war. Da er immer den leichteren Weg gegangen war, konnte er es auch nicht besser wissen. Er kauerte sich in seine Ecke und erwartete sein Schicksal. Er spürte noch ein letztes Mal die Kraft aus Kindertagen und Jugend. Doch sie war nicht mehr Teil von ihm. Er spürte noch mal die Leidenschaft. Doch es war mehr wie eine ferne Erinnerung. Er war immer den leichteren Weg gegangen, er wusste es nicht besser.
Der Gesichtslose streckte eine Hand aus. Die anderen hinter jenem taten es ihm gleich. Er hätte schreien können, doch er tat es nicht.

Wie fühlt sich Sterben an? Die Toten können nicht erzählen, auch nicht die lebenden Toten. Vielleicht gibt es einen Weg zurück durch das Purgatorium, vielleicht auch nicht. Aber kaum einer von ihnen will ihn gehen. Die Überlebenden sollten die lebenden Toten bekämpfen. Es war für uns alle eine Frage der Entscheidung – irgendwann. Also, keine Gnade!

Als es vorbei war, fühlte er sich gut. Vielleicht ergriff er einen guten Beruf und gründete eine Familie. Jedenfalls existierte er noch lange und zog eine Spur der Verwüstung nach sich. Er wurde lange nach seinem Tod in Ehren beigesetzt. Und keiner vernahm das höhnische Lachen des Himmels.

Teil 2 – Der Tod und der Tod
Es gibt zwei Arten von Tod. Einmal den wahren Tod, der Teil allen Lebens ist, der mit das wichtigste Element zum Funktionieren der Natur ist, der das Leben definiert und so wertvoll macht, den Bruder des Lebens. Und den weitaus schlimmeren. Den nämlich, der unseren heutigen Durchschnittsmenschen mit vielleicht Anfang zwanzig ereilt, manchen früher, manchen später, jedenfalls lange bevor er stirbt. Den, der jede Magie und den Großteil der Individualität erstickt, das ewige Fragen und Sich-entfalten der Seele, des ewigen Kindes beendet und an seine Stelle eine Welt ohne Wunder, ein fauliges Universum der angeblichen Vernunft setzt. Jener Tod, der ein System der Selbstlüge und Feigheit, des Nichts-riskierens und Nicht-mehr-hinterfragens in der Seele des noch so genannten Menschen institutionalisiert. Der den Zweifel als den Motor der Seele auslöscht. Dieser Tod beendet den wahren Menschen und schafft das künstliche Wesen, das seine eigene Imitation imitiert. Das sich völlig auf künstliche Dinge konzentriert, bemüht nicht abzuweichen und ausschließlich in oberflächlichen Zielen seine Erfüllung sucht und das Wunder, das es ist und in sich trägt nicht mehr sieht. Dieses Wesen, das im Abglanz des eigenen Lichtes wandelt, wird zerstören, ob es will oder nicht. Auch wenn es mit seinem Verstand und seiner Logik gut sein und lieben will, kann es das nicht wirklich, da es kein Gefühl mehr hat. Es weiß nicht mehr, was wahre Liebe ist und es merkt nicht wie es zerstört, da es das, was es zerstört nicht mehr kennt und sieht. Es ist nicht böse, es ist einfach nur tot. Dies ist die Zeit der lebenden Toten.

(So ziemlich alles in dieser Gesellschaft fußt auf Verdrängung. Wir verdrängen unser Innerstes, wir verdrängen unsere Selbstlügen und so entstehen die großen, die universalen Lügen. Von Mikro zu Makro. Ein ganz einfacher Mechanismus eigentlich. Es braucht den Menschen, der sich sich selbst stellt. Es braucht die Gesellschaft, die sich sich selbst stellt.)

Teil 3 – Überleben
Die beiden Arten von Tod, um die es hier geht, sind natürlich sehr unterschiedlich. Doch wenn die beiden Arten von Leben, die diesen Toden vorausgehen, gefährdet sind, dann ist die Kunst des Überlebens dem Wesen nach die gleiche. Voraussetzung ist in jedem Fall der Wille zum Überleben. Die meisten täuschen sich vor, ihn zu haben, die wenigsten tun es. Denn er setzt Selbstliebe voraus. Dass in der Natur die Starken überleben, hat seinen Sinn. Und Stärke ist nichts anderes als die Liebe zu sich selbst. Wer sich wirklich kennt, sich sein Wunderland und seine Magie erhalten hat, der wird sich lieben und der hängt wirklich an seinem Leben, nicht an dem ganzen oberflächlichen Zeug, sondern an seinem Wesen. Ein solcher Mensch wird in jeder (realen) Wüste, im Dschungel verirrt, in der Arktis verloren oder auf einem Schlachtfeld unheimliche Kräfte entwickeln, die ihm das Überleben sichern können. Und auch den zweiten Tod, den Tod der Seele, kann ein solcher Mensch verhindern, auch wenn das hier und heute härter ist als jede Wüste und jeder Krieg.
Natürlich kannst du auch für andere kämpfen, für Menschen, die du liebst, aus ihnen und deiner Liebe zu ihnen Kraft schöpfen, aber die Grundvoraussetzung ist immer noch die Selbstliebe, denn sie ist auch Grundvoraussetzung dafür andere zu lieben.
Wenn du dir die Selbstliebe nicht nur vor täuscht, sondern deine Welt erkundest, deine Schönheit siehst, dich wirklich liebst, kannst du überleben.
Und nur die Lebenden können wahres Glück und wahre Liebe fühlen.

Aus „Der schöne Schein“

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