Der Weise (Kurzgeschichte)

Der Weise (Kurzgeschichte)

Diese Geschichte spielt in irgendeiner Kultur irgendwann auf unserem oder einem anderen Planeten. Ein Reisender stößt zu einer Menschenansammlung hinzu…

„Was macht ihr hier?“, fragte der Reisende den ersten Mann. „Wir warten auf den Weisen. Das Orakel sagte, dass er hier heute auftauchen wird.“
Der Reisende fragte weiter: „Wirklich? Was ist das denn für ein Weiser?“
„Sie wissen ja überhaupt nichts. Er ist DER Weise!“, antwortete der erste Mann.
„Ach so“, sagte der Reisende.
„Und warum wollt ihr ihn sehen?“ Der zweite Mann schaute den Reisenden argwöhnisch an. „Was für eine blöde Frage. Weil er der Weise ist!“ „Ach so“, sagte der Reisende.
„Wisst ihr schon, was ihr ihn fragen wollt, falls er kommt?“
„Falls er kommt? Wenn das Orakel sagt, er komme, dann kommt er auch, Sie Ignorant.“ Der zweite Mann wurde langsam sauer. „Entschuldigung“, sagte der Reisende.
„Und was werdet ihr ihn fragen, wenn er kommt?“, setzte der Reisende das Fragen fort. Nun drehte sich der dritte Mann um. „Er soll uns einfach alles sagen, was er weiß.“
„Und dann werden eure Leben besser?“, fragte der Reisende. „Natürlich!“, sagte der dritte Mann.
Sie schwiegen ein wenig.
„Woran erkennen wir den Weisen eigentlich, wenn er kommt?“, fragte der Reisende dann irgendwann. „Sie stellen schon wirklich dämliche Fragen“, sagte der erste Mann genervt. „Den erkennen wir, weil…“. „Weil er weise aussieht?“, half der Reisende dem ersten Mann. „Ja verdammt, genau!“ „Ach so“, sagt der Reisende.
„Wer sind Sie eigentlich? Sie sind nicht von hier.“ Dieser ignorante Frager hatte nun die Neugier des ersten Mannes geweckt. „Nein, ich bin ein Reisender.“ „Und woher kommen Sie?“ „Ich komme von einem Reich weit von Ihrem.“ „Von welchem?“ „Eurem Volk ist es unbekannt und das wird es auch immer bleiben.“
Der zweite Mann mischte sich nun wieder ein. „Unser Volk erforscht ständig neue Gebiete, und irgendwann werden wir schon zu Ihrem Reich vordringen. Und wer weiß, vielleicht zerstören wir es ja…“ „Nein. Ihr werdet dort, wo mein Reich ist, nicht suchen“.
Jetzt hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit aller drei Männer. Auch andere stellten sich nun dazu, um den merkwürdigen Fremden zu sehen.
„Was soll das für ein Reich sein, das wir nicht finden sollen?“ fragte der dritte Mann. Der Reisende antwortete: „Es ist ein Reich, in dem Wahrhaftigkeit und Vernunft herrschen. Ein Reich, in dem die Menschen sich selbst lieben und bei sich selbst sind. Ein Reich, in dem jeder das ist, was er ist.“
„Jetzt hör mir mal gut zu, du Spinner“, rief der zweite Mann. „Wenn es wirklich irgendwo ein Land gibt, das voller Idioten wie dir ist, dann finden wir es und zerstören es. Und mit dir sollten wir anfangen!“ „Mich könntet ihr natürlich töten“, sagte der Reisende „aber mein Volk werdet ihr niemals ganz ausrotten können.“ „Das werden wir bestimmt.“, sagte der zweite Mann wütend, „wir haben die beste Armee der Welt“. „Ihr habt die beste Armee der Welt, und ihr seid wohlhabend, aber ihr habt sonst nichts, ihr habt nichts was wichtig ist, denn ihr seid nicht, was ihr seid. Und bringt die um, die es sind.“
„Ok, du Freak“, sagte der erste Mann. „Du hast großes Glück, dass wir hier auf den Weisen warten, denn sonst würden wir dich aufhängen. Wir wollen aber den Weisen nicht mit so etwas Ärgerlichem wie dir Abschaum konfrontieren. Er kann ja jeden Moment kommen. Aber hau jetzt ganz schnell ab, bevor wir es uns noch anders überlegen.“
Mit einem Lächeln, das das Volk als provozierend empfand, nickte der Reisende den Leuten als Geste des Abschieds zu. Dann drehte er sich um und ging langsam davon.
Das Volk lästerte noch lange über ihn. Zeit dazu hatten sie genug, denn der Weise, auf den sie warteten, kam nicht. Als es dunkel wurde und der Weise sich noch nicht gezeigt hatte, zog die Gruppe zum Tempel und tötete das Orakel.

Aus „Der schöne Schein“

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